Posts

Wenn neue Medien auftreten: Baudelaire, die Fotografie und die Angst vor KI

Bild
New Media. AI image  Anmerkung: Der Text entstand ursprünglich auf Englisch und liegt hier in deutscher Übersetzung vor Einleitung Wenn eine neue Technologie in das künstlerische Feld eintritt, geschieht dies selten geräuschlos. Häufiger bringt sie bestehende Hierarchien ins Wanken, verteilt Autorität neu und provoziert heftigen Widerstand bei jenen, deren Status unter älteren Bedingungen gesichert war. Die aktuellen Kontroversen um Large Language Models und generative Bilder gehören zu diesem langen historischen Muster. Ein besonders eindrücklicher Präzedenzfall findet sich in Charles Baudelaires Text Le public moderne et la photographie von 1859, in dem der Dichter einen wütenden Angriff auf das damals neu entstehende Medium der Fotografie startet. Liest man diesen Essay heute, fällt nicht nur die Heftigkeit von Baudelaires Sprache auf, sondern auch die Vertrautheit seiner argumentativen Struktur. Dieser Artikel vertritt die These, dass zeitgenössische Ängste gegenüber kün...

Die linguistische Wende – Damals und heute: Von der Philosophie zur Künstlichen Intelligenz

Bild
"In the beginning was the Word". AI image   Anmerkung: Der Text entstand ursprünglich auf Englisch und liegt hier in deutscher Übersetzung vor Einleitung Vor dem zwanzigsten Jahrhundert galt Sprache weitgehend als durchsichtiges Gefäß des Denkens – als Medium, durch das sich die Vernunft ausdrückte, nicht als etwas, das sie formte. Von Descartes bis Kant suchten die Philosophen nach den universalen Strukturen des Geistes, im Vertrauen darauf, dass Wörter lediglich vorbestehende Ideen widerspiegeln. Im Zentrum der Untersuchung stand der Intellekt, nicht der Ausdruck. In den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts jedoch vollzog sich eine radikale Umkehrung. Denker begannen zu ahnen, dass die eigentlichen Probleme der Philosophie – die der Erkenntnis, des Seins und der Wahrheit – untrennbar mit den Strukturen der Sprache verbunden sind. Diese Bewegung, später als linguistische Wende bezeichnet, verlagerte den Schwerpunkt von Bewusstsein und Realität auf die symbo...

„Was ist eine Frau?“ — Vom ererbten Zeichen zum rechtlichen Operator

Bild
Anmerkung: Der Text entstand ursprünglich auf Englisch und liegt hier in deutscher Übersetzung vor Einleitung: Wenn ererbte Bedeutung nicht mehr ausreicht Die Frage „Was ist eine Frau?“ bereitet im alltäglichen Sprachgebrauch kaum Schwierigkeiten. Sprecher erwerben den Begriff früh, verwenden ihn flüssig und bewegen sich in seinem Bedeutungsfeld ohne bewusste Reflexion. In gewöhnlichen Kontexten funktioniert er reibungslos, ohne Zögern oder den Bedarf nach expliziter Definition. In akademischen, juristischen oder politischen Zusammenhängen hingegen führt dieselbe Frage häufig zu Schweigen, Ausweichbewegungen oder sichtbarer Verunsicherung. Dieser Kontrast verweist nicht auf Unwissenheit oder ein Versagen des Verstehens. Vielmehr signalisiert er eine Verschiebung der semiotischen Bedingungen, unter denen die Frage operiert. Das Problem liegt nicht im Wort selbst, sondern in dem System, das von ihm verlangt, eine andere Funktion zu erfüllen. Sprache als ererbtes System Ferdin...

Was ist eine „1“? Notengebung, Interpretation und die Ethik der Entscheidung

Bild
The Teacher. AI image „Ich gebe 1000 Euro demjenigen, der mir sagen kann, was eine ‚1‘ ist.“ Ein Kollege machte diese Bemerkung während einer Lehrerfortbildung. Der Kontext war aufschlussreich: Mehr als zwanzig erfahrene Lehrkräfte wurden gebeten, denselben Schüleraufsatz anhand eines gemeinsamen Beurteilungsrasters zu bewerten. Trotz vergleichbarer beruflicher Hintergründe und klar formulierter Kriterien fielen die Ergebnisse deutlich unterschiedlich aus. Einige vergaben die Bestnote, andere eine „3“, dazwischen lagen verschiedene Abstufungen. Solche Abweichungen werden oft als praktisches Problem betrachtet, das sich durch präzisere Vorgaben oder strengere Standardisierung reduzieren ließe. Doch ihre Persistenz deutet auf ein tieferliegendes Problem hin. Wäre eine Note eine stabile Eigenschaft des Textes, müsste die Übereinstimmung wesentlich größer sein. Gleichzeitig würden nur wenige Lehrkräfte behaupten, Notengebung sei schlicht willkürlich. Diese Spannung verweist auf eine gr...